Für die gleichnamige Königin von Wessex siehe Judith von Flandern (starb 870).

Judith von Flandern (1030/5 bis 5. März 1095) war die Ehefrau von Tostig Godwinson, Earl of Northumbria und Welf I, Herzog von Bayern.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Familie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Judith wurde zwischen 1030 und 1035 in Brügge geboren als einziges Kind von Balduin IV, Graf von Flandern und dessen zweiter Frau Eleanore von der Normandie, die eine Tochter von Richard II, Herzog der Normandie und Judith von der Bretagne war. [1] Judiths älterer Halbbruder war Balduin V, Graf von Flandern, der Nachfolger seines Vaters wurde, als Judith gerade zwei Jahre alt war. Einige Historiker haben sogar vermutet, dass Balduin V ihr Vater war, nicht Balduin IV. [2] Judiths Nichte war Matilda, die Ehefrau von Wilhelm von der Normandie, dem ersten normannischen König von England, der als "Wilhelm I der Eroberer" bekannt wurde. König Wilhelm war außerdem Judiths Cousin als Sohn ihres Onkels mütterlicherseits, Robert von der Normandie.

Erste Ehe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu einem unbekannten Zeitpunkt vor September 1051 heiratete Judith Tostig Godwinson, Bruder des zukünftigen König Harald II von England. Im September war sie gezwungen, mit ihrem Ehemann und ihren angeheirateten Verwandten aus England nach Brügge zu fliehen. Die gesamte Familie Godwinson war von König Edward dem Bekenner aus England verbannt worden, nachdem Godwin, Earl of Wessex und seine Söhne eine Rebellion gegen den König begonnen hatten. Im folgenden Jahr kehrten sie jedoch mit einer Armee nach England zurück und zwangen den König, sie wieder in ihre Ämter einzusetzen.

1055 wurde Tostig zum Earl of Northumbria erhoben, nachdem sein Vorgänger Siward gestorben war. Judith war somit Gräfin von Northumbria und die Ehe mit ihr hatte Tostig vermutlich geholfen, sich die Grafschaft zu sichern. [3] Aus der Ehe gingen mehrere Kinder hervor, doch ihre Anzahl und Namen wurden in den Quellen nicht vermerkt. Sie wurden in der Vita Aedwardi Regis als "nicht entwöhnt" bezeichnet, als ihr Vater starb.

Judith wurde als "fromme und wissbegierige Frau" beschrieben. Ihre Frömmigkeit drückte sie in vielen Geschenken und Spenden an die Kirche des Hl. Cuthbert in Durham aus, wozu auch Ländereien und ein verziertes Kruzifix gehörten. Letzeres war anscheinend ein Geschenk, um den Heiligen zu beschwichtigen, nachdem sie Cuthberts Regel in Frage gestellt hatte, dass Frauen die Kathedrale nicht betreten durften, in der seine Reliquien aufbewahrt wurden. Judith, verärgert darüber, dass sie als Frau die Kirche nicht betreten durfte, obwohl sie an seinem Grabstein beten wollte, hatte entschieden, das Verbot zu testen, indem sie einer ihrer Dienerinnen befahl, in die Kirche zu gehen und herauszufinden, welche Auswirkungen das haben würde. Nach der sicheren Rückkehr der Dienerin hatte sie selbst die Kirche betreten wollen. Doch als sie Dienerin den Kirchhof gerade betreten wollte, wurde sie von einem plötzlichen, wilden Windstoß getroffen, der sie bewegungslos machte und schließlich tötete. Judith ließ aus ihrer abergläubischen Angst das Kruzifix extra anfertigen für den Schrein des Hl. Cuthbert. [4] In ihrer Lebenszeit sammelte sie viele Bücher und gab ebenfalls viele Bücher und verzierte Manuskripte in Auftrag, von denen einige noch heute existieren. [5]

Im Oktober 1065 gab es in Northumbria einen Aufstand gegen die Herrschaft von Tostig. Nachdem sein Bruder Harald König Edward überzeugt hatte, die von den Rebellen gestellten Forderungen zu akzeptieren, kam es zu einer öffentlichen Konfrontation zwischen den Brüdern, bei der Tostig Harald beschuldigte, die Rebellion in Gang gesetzt zu haben. Harald konnte seine Unschuld durch einen öffentlichen Eid beweisen und im November wurde Tostig vom König zum Gesetzlosen erklärt. Judith war gezwungen, mit ihrem Mann und ihren Kindern bei ihrem Halbbruder in Flandern Zuflucht zu suchen. Balduin V ernannte Tostig zum Kastellan von Saint-Omer.

Im Mai 1066, nach dem Tod von König Edward und Haralds Thronbesteigung, kehrte Tostig mit einer Flotte nach England zurück, die Balduin ihm gestellt hatte. Er wollte sich an seinem Bruder rächen und begann zunächst mit Überfällen auf die Küste. Ein Versuch, seinen Bruder Gyrth auf seine Seite zu bringen scheiterte und Tostig verlor nach und nach seine Anhänger und musste nach Schottland fliehen. Von dort aus suchte er Kontakt zu Harald III Hardrada von Norwegen und schloss ein Bündnis mit ihm. Gemeinsam begannen sie mit einer Invasion nach England, die zuerst York zum Ziel hatte. König Harald konnte sie jedoch nach einem Gewaltmarsch mit seinen Truppen überraschen und Tostig und Harald III Hardrada wurden am 25. September 1066 in der Schlacht von Stamford Bridge getötet.

Judith reiste nach Dänemark, nachdem sie vom Tod ihres Mannes erfahren hatte. Historiker gehen davon aus, dass sie ihr kleinen Kinder mit sich nahm, doch von ihrem Schicksal ist nichts bekannt. Die norwegischen Königssagas, die Fagrskinna und die Morkinskinna, nenne Skuli Konungsfóstri, einen Vorfahren von König Inge II von Norwegen, einen Sohn von Tostig, doch die Heimskringla schreibt ihm andere Eltern zu. Keine von ihnen nennt Judith als seine Mutter.

Weniger als einen Monat nach Tostigs Tod wurden Judiths Schwäger Harald II, Leofwine und Gyrth Godwinson in der Schlacht von Hastings gegen Wilhelm I den Eroberer getötet, der danach König von England wurde.

Zweite Ehe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1071 war Judith 38 Jahre alt und heiratete ihren zweiten Ehemann Welf I, Herzog von Bayern, [6] der sich von seiner ersten Ehefrau Ethelinde von Northeim im Vorjahr hatte scheiden lassen. [1] Nach ihrer Hochzeit wurde sie Herzogin von Bayern, doch 1077 verlor ihr Mann seinen Titel und erhielt ihn erst 1096 zurück, ein Jahr nach ihrem Tod. Mit ihm lebte Judith im Schloss von Ravensburg und trotz ihres fortgeschrittenen Alters schenkte sie Welf noch drei Kinder.

Tod[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 12. März 1094 unterschrieben Judith und ihr Ehemann eine Schenkungsurkunde an das Familienkloster in der Abtei von Weingarten, wo Judith nach ihrem Tod am 5. März 1095 begraben wurde. Man erinnerte sich dort an sie als eine verwitwete Königin von England. [7] Die Abtei war von ihrem Mann auf dem Martinsberg in Weingarten erbaut worden und Judith war ihre Schirmherrin geworden. Sie hatte der Abtei ebenfalls ihre außergewöhnliche Bibliothek und eine Reliquie mit dem Blut von Jesus Christus hinterlassen. [8] Ihr Ehemann starb 1101 in Zypern bei seiner Rückkehr aus dem Ersten Kreuzzug.

Stammtafel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Haus Flandern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Balduin IV, Graf von Flandern ⚭ | Ogive von Luxemburg; ⚭ || Eleanor von der Normandie
    1. | Balduin V, Graf von Flandern (980-1035) ⚭ Adèle von Frankreich (1009-1079)
      1. Balduin VI, Graf von Flandern
      2. Matilda von FlandernWilhelm I der Eroberer
      3. Robert I, Graf von Flandern
    2. || Judith von Flandern ⚭ | Tostig Godwinson; ⚭ || Welf I, Herzog von Bayern
      1. | mehrere Kinder
      2. || Welf II, Herzog von Bayern (1072-1120) ⚭ Matilda von der Toskana
      3. || Heinrich IX, Herzog von Bayern (1074-1126) ⚭ Wulfhild von Sachsen
      4. || Kunizza von Bayern (✝ 1120) ⚭ Frederich Rocho, Graf von Diesen

Haus Normandie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Richard II, Herzog der Normandie (✝1027) ⚭ | Judith von Rennes (*982, ✝1017); ⚭ || Astrid, Tochter von Sven Gabelbart; ⚭ ||| Poppa; ⚯ IV NN
    1. | Richard III, Herzog der Normandie (*1001, ✝1027) ⚭ | Adelheid die Heilige (*1009, ✝1079), Gräfin von Contenance; ⚯ || NN
    2. | Robert I. der Prächtige (✝1035), Herzog der Normandie ⚯ Herleva
      1. Wilhelm I. der Eroberer (*1027, ✝1087) ⚭ Matilda von Flandern (*1032, ✝1083)
    3. | ⛪ Wilhelm (✝1025)
    4. | Adelheid (✝ nach 1037) ⚭ Rainald I. (✝1057), Graf von Burgund
    5. | Tochter (Eleonore) ⚭ Balduin IV, Graf von Flandern (✝1035)
      1. Judith von Flandern (*1030/5, ✝1095) ⚭ | Tostig Godwinson (✝1066); ⚭ || Welf IV. (✝1101), Herzog von Bayern

Anmerkungen[Quelltext bearbeiten]

  1. 1,0 1,1 B. Schneidmüller (2000) Die Welfen. Herrschaft und Erinnerung (819–1252)
  2. I.S. Robinson (2003) Henry IV of Germany, 1056-1106
  3. Barlow, Frank, Edward the Confessor
  4. Aird, William M., The Boundaries of Medieval Misogyny: Gendered Urban Space in Medieval Durham
  5. Newton, Francis The Scriptorium and Library at Monte Cassino, 1058-1105
  6. Luscombe, David; Riley-Smith, Jonathan, eds. (2006). The New Cambridge Medieval History
  7. van Houts, Elizabeth (2004). "Judith of Flanders, duchess of Bavaria (1030x35–1095)". Oxford Dictionary of National Biography
  8. Heinlen, Michael - An Early Image of a Mass of St Gregory and Devotion to the Holy Blood at Weingarten Abbey
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