Neustrien - auch Neustria und Neustrasien - war zwischen 511 bis 737 der nordwestliche Teil des fränkischen Reiches zwischen Loire und Schelde. Das Geschlecht der Merowinger beherrschte diesen Teil des Landes.

Name[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Name Neustrien wird meistens als "neues westliches Land" übersetzt, [1] [2] obwohl Taylor die Interpretation "Nordöstliches Land" vorschlug. [3] Das Nordisk familjebok schlug sogar "nicht das östliche Land" (icke östland) vor. [4] Augustin Thierry nahm an, dass Neustrien einfach eine Verfälschung von Westrien - West-rike, "das westliche Reich" - ist. [5] In jedem Fall steht Neustrien im Kontras zum Namen Austrasien - "östliches Reich". Die Analogie ist sogar noch deutlicher in der Variante Neustrasien. [6]

Während der Zeit der Lombardischen Herrschaft wurde Neustrien auch als Begriff für das nordwestliche Italien benutzt. Es stand im Gegensatz zum Nordosten, der Austrasien genannt wurde, der gleiche Begriff wie der für das östliche Fränkische Reich.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Merowingisches Königreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Vorgänger von Neustrien war der römische Rumpfstaat des Königreichs Soissons. 486 verlor dessen Herrscher Syagrius die Schlacht von Soissons an den Fränkischen König Clovis I und die Herrschaft ging danach an die Franken. Konstante Neueinteilungen der Gebiete durch Clovis' Nachfahren führten zu vielen Rivalitäten, die Neustrien für mehr als zweihundert Jahre beinahe konstanten Krieg mit Austrasien einbrachten, dem östlichen Teil des Fränkischen Reiches. Aber trotz der Kriege wurden Neustrien und Austrasien mehrfach kurz wieder vereint. Zum ersten mal unter Clotaire I während seiner Herrschaft von 558 bis 562. Der Machtkampf ging weiter mit Königin Fredegunde von Neustrien (Witwe von Chilperic I, der von 566 bis 584 regierte, Mutter des neuen Königs Clothar II (584-628)), und führte zu einem erbitterten Krieg.

Nach dem Tod seiner Mutter führte Clothar II den Kampf gegen Königin Brunichild fort und war schließlich 613 siegreich, als Brunhildas Anhänger sie verrieten und an Clothar übergaben. Er ließ sie drei Tage lang auf die Streckbank spannen, dann kettete man sie zwischen vier Pferden an und ließ ihr die Gliedmaßen ausreißen. Clothar regierte jetzt über ein vereinigtes Reich, aber nur für eine kurze Zeit, da er seinen Sohn Dagobert I zum König von Austrasien machte. Dagoberts Thronbesteigung in Neustrien führte zu einer weiteren kurzzeitigen Vereinigung.

In Austrasien versuchte man unter dem Arnulfinger-Hausmeier Grimoald dem Älteren einen Putsch gegen seine Herrschaft, doch Chlodwig II ließ ihn entfernen und vereinigte das Königreich erneut mit Neustrien, aber auch wieder nur kurzzeitig. Während oder kurz nach der Herrschaft seines Sohnes Chlothar III übergab die Dynastie von Neustrien, wie die von Austrasien zuvor, die Kontrolle an ihren eigenen Hausmeier.

678 unterwarf Neustrien unter Hausmeier Ebroin Austrasien zum letzten mal. Ebroin wurde 680 ermordet. 687 besiegte Pippin der Mittlere, Hausmeier des Königs von Austrasien, die Neustrier bei Tertry. Neustriens Hausmeier Berchar wurde kurz darauf ermordet und nach einer Hochzeit zwischen Pippins Sohn Drogo und Anstrudis, Tochter von Waratto, der vor Berchar Hausmeier gewesen war, wurde Pippin der neue Hausmeier des neustrischen Palastes. [7] Pippins Nachfahren, die Karolinger, regierten die beiden Reiche danach als Hausmeier. Mit dem Segen von Papst Stephan II setzte der Karolinger Pippin der Jüngere 751 die Merowinger offiziell ab und übernahm die Kontrolle über das Reich. Er und seine Nachfahren regierten danach als Könige.

Neustrien, Austrasien und Burgund wurden unter einer Autorität vereinigt und obwohl sie sich erneut in verschiedene östliche und westliche Teile aufspalteten, verschwanden die Namen "Neustrien" und "Austrasien" schließlich.

Karolingisches Unterkönigreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

748 überließen Pippin der Jüngere und sein Bruder Karlmann ihrem jüngeren Bruder Grifo einen Teil von Neustrien, das sich um das County Le Mans zentrierte. Dieses Gebiet wurde bekannt als das Herzogtum Maine, was bis ins 9. Jh. ein alternativer Name für Neustrien blieb.

Der Begriff "Neustrien" bezeichnete das Gebiet zwischen Seine und Loire, als Karl der Große es 790 als Reich an seinen zweiten Sohn Karl den Jüngeren übergab. Zu dieser Zeit scheint die Hauptstadt des Reiches Le Mans gewesen zu sein, wo sich der königliche Hof von Karl befand. Unter der Dynastie der Karolinger war es die Hauptpflicht des neustrischen Königs, die Oberherrschaft der Franken gegen die Bretonen zu verteidigen.

817 überließ Ludwig der Fromme Neustrien seinem ältesten Sohn Lothar I, doch nach dessen Rebellion 831 erhielt sie Pippin I von Aquitanien und nach dessen Tod 838 Karl der Kahle. Neustrien und Aquitanien bildeten den Großteil von Karls Westfränkischem Reich, das durch den Vertrag von Verdun 843 aus dem Fränkischen Reich entstand. Karl führte die Tradition fort, seinen ältesten Sohn zum Herrscher von Neustrien mit eigenem Hof in Le Mans zu machen, als er 856 Ludwig den Stammler zum König machte. Ludwig heiratete die Tochter von Erispoe, König der Bretagne und erhielt mit Einverständnis der fränkischen Adligen die Herrschaft vom bretonischen Herrscher. Diese einzigartige Beziehung von Neustrien betont, wie es in seiner Größe geschrumpft war. Zu dieser Zeit gehörten die Île des France und Paris nicht mehr dazu, und es war fern von der zentralen Autorität von Karl dem Kahlen und näher an der von Erispoe. Ludwig war der letzte fränkische Herrscher, der von seinem Vater zum König von Neustrien ernannt wurde, und die Praxis, Unterkönigreiche für Söhne zu schaffen, schwand unter den späteren Karolingern.

Karolingische Mark[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

861 schuf der Karolinger-König Karl der Kahle die Marken von Neustrien, die von Beamten regiert wurden, die von der Krone ernannt worden waren, bekannt als Vögte, Präfekten oder Markgrafen. Ursprünglich gab es zwei Marken, eine gegen die Bretonen und eine gegen die Nordmänner, oft bezeichnet als Bretonische Mark und Normannische Mark.

911 wurde Robert I von Frankreich der erste Markgraf beider Marken und nahm den Titel Demarchus an. Seine Familie, die späteren Kapetinger, regierten ganz Neustrien bis 987, als Hugo Kapet zum König gewählt wurde. Die untergebenen Grafen von Neustrien hatten den Markgrafen zu dieser Zeit an Macht übertroffen und der Höhepunkt der Wikinger- und Bretonenüberfälle war vorüber. Nach dem "Wunder der Capetinger" (die Fähigkeit der Kapetinger, an der französischen Krone festzuhalten) wurden keine weiteren Markgrafen ernannt und "Neustrien" verschwand als politische Bezeichnung. Es findet sich jedoch noch in einigen anglo-normannischen Chroniken und wurde als Synonym für die Normandie als englischen Besitz unter Heinrich V durch den Chronisten Thomas Walsingham in seiner Ypodigma Neustriae wiederbelebt.

Herrscher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Merowinger-Könige[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 458–481 Childerich I
  • 481–511 Chlodwig I
  • 511–524 Chlodomer
  • 511–558 Childebert I
  • 558–561 Chlothar I
  • 561–567 Charibert I
  • 567–584 Chilperic I
  • 561–592Gontran
  • 584–629 Chlothar II. der Junge
  • 629–639 Dagobert I. Der Gute (in Personalunion)
  • 639–657 Chlodwig II.
  • 657–673 Chlothar III.
  • 673–673 Theuderich III.
  • 673–675 Childerich II. (in Personalunion)
  • 675–691 Theuderich III. (2. Mal)
  • 691–695 Chlodwig III.
  • 695–711 Childebert III.
  • 711–715 Dagobert III.
  • 715–721 Chilperich II. (Bruder Daniel)
  • 721–737 Theuderich IV.
  • 737–741 Karl Martell (als Hausmeier und in Personalunion)
  • 741–743 Pippin III. (als Hausmeier)
  • 743–751 Childerich III.

Hausmeier[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Landric, bis 613
  • Gundoland, 613–639
  • Aega, 639–641
  • Erchinoald, 641–658
  • Ebroin, 658–673
  • Wulfoald, 673–675
  • Leudesius, 675
  • Ebroin, 675–680 (erneut)
  • Waratton, 680–682
  • Gistemar, 682
  • Waratton, 682–686 (erneut)
  • Berchar, 686–688
  • Pepin of Heristal, 688–695
  • Grimoald II, 695–714
  • Theudoald, 714–715
  • Ragenfrid, 715–718
  • Karl Martel, 718–741
  • Pippin der Jüngere, 741–751

Karolinger-Unterkönige[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Karlmann I, 768–771
  • Karl der Jüngere, 790–811
  • Lothar I, 817–831
  • Pippin I von Aquitanien, 831–838
  • Karl der Kahle, 838–856
  • Ludwig II der Stammler, 856–879

Ludwig wurde 858 nach der Ermordung von Erispoe im November 857 aus Le Mans vertrieben.

Robertiner[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Robert der Tapfere 853–866
  • Odo von Paris 888–898
  • Robert I von Frankreich, 911–922
  • Hugo der Große, 922–956
  • Hugo Kapet, 956–987

Anmerkungen[Quelltext bearbeiten]

  1. Benkard, J. B. - Historical Sketch of the German Emperors and Kings (1855)
  2. Slatyer, Will - Ebbs and Flows of Ancient Imperial Power, 3000 BC - 900 AD (2012)
  3. Taylor, William Cooke (1848). A Manual of Ancient and Modern History
  4. Meijer et al. (eds.), (1913) Nordisk familjebok
  5. Thierry, Augustin History of the Conquest of England by the Normans (1825)
  6. Einige lateinisch schreibende Autoren wie Caesar Baronidus (✝ 1607) scheinen die Variante Neustrasien vorzuziehen. - Augustin Theiner (ed.) Caesaris S.R.E. Card. Baronii t. 11, (1867)
  7. Costambeys, Marios (2011). The Carolingian world
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