Die Sachsenküste - lateinisch litus Saxonicum - war ein Militärkommando des spätrömischen Imperiums und bestand aus einer Reihe von Festungen auf beiden Seiten des Englischen Kanals. Sie wurde im späten 3. Jh. eingerichtet und vom "Graf der Sachsenküste" beaufsichtigt. Im späten 4. Jh. wurden seine Aufgaben auf Britannien beschränkt, während die Festungen in Gallien unter eigenständiges Kommando kamen. Bis heute sind einige Festungen der Sachsenküste im östlichen und südöstlichen England erhalten geblieben.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der zweiten Hälfte des 3. Jh. sah sich das Römische Imperium einer schweren Krise gegenüber. Innerlich geschwächt von Bürgerkriegen, der gewaltsamen Nachfolge kurz herrschender Kaiser und der Abspaltung von Provinzen musste es sich von außen einer neuen Welle von Angriffen durch barbarische Stämme stellen. Der Großteil von Britannien war seit Mitte des 1. Jh. ein Teil des Imperiums gewesen. Es wurde im Norden durch den Hardrianswall und den Antoniuswall geschützt und besaß eine Flotte von gewisser Größe.

Doch als die Grenzen unter steigenden Druck von außen kamen, wurden Festungen im ganzen Imperium erbaut, um die Städte zu beschützen und strategisch wichtige Orte zu bewachen. In diesem Zusammenhang wurden auch die Festungen der Sachsenküste erbaut. Schon in den 230er Jahren unter Kaiser Severus Alexander waren mehrere Einheiten von der nördlichen Grenze abgezogen und in Garnisonen im Süden verlegt worden, und hatten neue Festungen in Brancaster und Caister-on Sea in Norfolk und in Reculver in Kent erbaut. Dover war bereits im frühen 2. Jh. befestigt worden und die anderen Festungen dieser Gruppe wurden in den 270er bis 290er Jahren erbaut.

Bedeutung und Rolle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die einzige zeitgenössische Benutzung des Namens "Sachsenküste" stammt aus dem Notitia Dignitatum aus dem 4. Jh., das die Comes Litoris Saxonici per Britanniam (Grafen der Sachsenküste in Britannien) auflistet und die Namen der Orte nennt, die unter deren Kommando stehen und ihre jeweiligen Angehörigen des militärischen Personals. [1] Doch aufgrund fehlender weiterer Beweise gibt es verschiedene Theorien unter den Gelehrten über die genaue Bedeutung des Namens und auch über die Art und den Zweck der Festungskette, auf die sich der Begriff bezieht.

Es wurden zwei Interpretationen vorgeschlagen, die das Adjektiv "sächsisch" betreffen: entweder eine von den Sachsen angegriffene Küste oder eine von den Sachsen besiedelte Küste. Einige haben argumentiert, dass die letztere Hypothese von Eutropius gestützt wird, der erklärt, dass das Meer an der Küste von Belgien und Armorica in den 280er Jahren "infiziert war mit Franken und Sachsen", und dass dies der Grund war, warum Carausius anfänglich die Flotte dort anführen sollte. [2] Eutropius bezieht sich jedoch auf Franken und Sachsen als Angreifer vom Meer aus. Es finden sich auch zum Teil Hinweise durch archäologische Funde wie Artefakte im germanischen Stil in Grabstätten, und es gibt Hinweise auf die Anwesenheit von Sachsen (wenn auch hauptsächlich römische Armeerekruten) in einiger anzahl im südöstlichen England und an den nördlichen Küsten von Gallien um Boulogne-sur-Mer und Bayeux seit Mitte des 5. Jh.. [3] Dies wiederum spiegelt eine gut dokumentierte Praxis von bewusster Ansiedlung germanischer Stämme wider (die Franken wurden 358 foederati unter Kaiser Julian der Apostat), um die römische Verteidigung zu stärken.

Die andere Interpretation, die von Stephen Johnson unterstützt wird, besagt, dass die Festungen eine Rolle als Küstenverteidigung gegen Invasoren vom Meer her erfüllte, hauptsächlich Sachsen und Franken, [4] und als Basis für die Marineeinheiten dienten, die gegen sie vorgingen. Diese Sicht wird verstärkt durch die parallele Kette von Festungen auf der anderen Seite des Kanals an den nördlichen Küsten von Gallien, die die britischen Festungen ergänzen und ein vereinigtes Verteidigungssystem vermuten lassen. [5]

Andere Gelehrte wie John Cotterill sehen die Darstellung der Bedrohung durch germanische Angreifer, zumindest im 3. und frühen 4. Jh., als übertrieben an. Sie interpretieren die Erbauung der Festungen in Brancaster, Caister-on-Sea und Reculver im frühen 3. Jh. und ihrer Lage an den Mündungen befahrbarer Flüsse als Hinweis auf eine andere Rolle an: befestigte Punkte für Transport und Versorgung zwischen Britannien und Gallien, ohne irgend eine Verbindung (zumindest zu dieser Zeit) zur Bekämpfung von Piraterie. [5] Diese Ansicht ist unterstützt durch zeitgenössische Hinweise auf die Versorgung der Armee von Kaiser Julian dem Apostat mit Getreide von Britannien während seiner Feldzüge in Gallien 359, [6] [7] und ihre Nutzung als sichere Landeplätze durch Graf Theodosius während der Unterdrückung der Großen Verschwörung einige Jahre später. [6]

Eine weitere Theorie, die von D. A. White vorgestellt wurde, war, dass das erweiterte System großer Steinfestungen unverhältnismäßig war gegenüber irgend einer Bedrohung durch germanische Plünderer vom Meer und dass es eigentlich während der Abspaltung unter Carausius und Allectus 289-296 erbaut wurde, mit einem vollkommen anderen Feind im Sinn: sie wollten sich gegen alle Versuche verteidigen, dass Britannien vom Imperium zurückerobert wurde. Diese Ansicht, obwohl weithin umstritten, wurde erst kürzlich durch archäologische Hinweise in Pevensey unterstützt, die die Erbauung der Festungen auf die frühen 290er Jahre datieren. [5]

Was auch immer ihre ursprüngliche Rolle war, es ist nahezu sicher, dass die Festungen und ihre Garnisonen im späten 4. Jh. für Operationen gegen fränkische und sächsische Piraten genutzt wurden. Britannien wurde 407 von Rom aufgegeben und Armorica folgte bald danach. Die Festungen auf beiden Seiten des Kanals blieben in den folgenden Jahrhunderten weiterhin bewohnt und besonders in Britannien wurden sie bis weit in die angelsächsische Zeit hinein genutzt.

Die Festungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Britannien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die neun Festungen, die in der Notitia Dignitatum für Britannien genannt sind, von Norden nach Süden mit ihren Garnisonen: [1]

  1. Branodunum (Brancaster, Norfolk) - Eine der ersten Festungen, datiert auf die 230er Jahre. Sie wurde erbaut, um The Wash (eine Bucht) zu bewachen und hat die typische rechteckige Form eines Castrum. [3] Die dazugehörige Garnison waren die Equites Dalmatae Brandodunenses, [8] obwohl es Hinweise darauf gibt, dass die ursprüngliche Garnison aus der Kohorte I Aquitanorum bestand. [3]
  2. Gariannonum (Burgh Castle, Norfolk). Sie wurde zwischen 260 und Mitte der 270er erbaut, um den Fluss Yare zu schützen und von der Equites Stablesiani Gariannonenses [8] geschützt. Allerdings gibt es einige Uneinigkeit darüber, ob dies eigentlich die Festung in Caister-on-Sea ist, die sich gegenüber Burgh Castle an der gleichen Flussmündung befindet.
  3. Othona (Bradwell-on-Sea, Essex). Die Garnison waren die Numerus Fortensium. [9]
  4. Regulbium (Reculver, Kent). Eine der frühesten erbauten Festungen aus den 210er Jahren, die die Themsemündung schützen sollte, erbaut in der üblichen Form eines Castrum. [10] Sie wurde ab dem 3. Jh. von der Kohorte I Baetasiorum bewacht.
  5. Rutupiae (Richborough, Kent). Die Legion II Augusta war zum Teil dort stationiert.
  6. Dubris (Dover Castle, Kent). Die Milites Tungrecani waren dort stationiert.
  7. Portus Lemanis (Lympne, Kent). Die Numerus Turnacensium [9] waren dort stationiert.
  8. Anderitum (Pevensey Castle, East Sussex). Die Numerus Abulcorum [9] waren dort stationiert.
  9. Portus Adurni (Portchester Castle, Hampshire). Eine Numerus Exploratorum [9] war dort stationiert.

Es gibt ein paar andere Orte, die eindeutig zu dem System der britischen Sachsenküste gehörten, sie sind aber nicht in der Notitia enthalten. Dazu gehören unter anderem die Festungen in Walton Castle, Suffolk, die jetzt aufgrund von Erosion im Meer versunken ist, und Caister-on-Sea. Im Süden werden Carisbrooke Castle auf der Isle of Wight und Clausentum (Bitterne beim heutigen Southampton) ebenfalls als westliche Erweiterungen der Festungskette angesehen. Andere Orte, die möglicherweise damit in Verbindung stehen sind die versunkene Festung in Skergness und die Überreste möglicher Signalstationen in Thornham in Norfolk, Cornton in Suffolk und Hadleigh in Essex. [11]

Weiter nördlich an der Küste nahmen die Schutzmaßnahmen die Form von Zentralen Lagern in Lindum (Lincoln) und Malton an mit Straßen, die von dort zu Signalstationen an der Küste führen. Wenn ein Alarm zur Basis weitergeleitet wurde, konnten Truppen über die Straßen verteilt werden. Weiter hinauf an der Küste im nördlichen Yorkshire wurde eine Reihe von Küstenwachtürmen konstruiert (in Huntcliff, Finley, Ravenscar, Goldsborough und Scarborough), die die südlichen Verteidigungen mit der nördlichen Militärzone der Wälle verband. [12] Ähnliche Küstenbefestigungen können in Wales gefunden werden, in Cardiff und Caer Gybi. Die einzige Festung dieser art in der nördlichen Militärzone ist Lancaster in Lancashire, die irgendwann Mitte bis Ende des 3. Jh. erbaut wurden, um eine frühere Festung und eine außerhalb liegende Gemeinde zu ersetzen, was das Ausmaß der Küstenverteidigung an der Nordwestküste gegen einfallende Stämme aus Irland reflektieren könnte.

In Gallien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Notitia enthält auch zwei eigenständige Kommandos für die nördliche Küste von Gallien, die beide zum System der Sachsenküste gehörten. Als diese Liste etwa 420 zusammengestellt wurde, war Britannien schon von den Römischen Truppen aufgegeben worden. Das erste Kommando kontrollierte die Küste der Provinz Belgica Secunda (ungefähr zwischen den Mündungen der Scheldt und der Somme) unter dem dux Belcigae Secundae (Graf von Belciga Secunda) mit Hauptquartier in Portus Aepatiaci: [1]

  1. Marcae (unbekannter Ort nahe Calais, möglicherweise Marquise oder Marck), dort waren die Equites Dalmatae [8] stationiert. In der Notitia ist dies zusammen mit Grannora der einzige Ort an der gallischen Küste, der eindeutig als innerhalb der litore Saxonico identifiziert wird.
  2. Locus Quartensis sive Hornensis (möglicherweise an der Mündung der Somme), der Hafen der classis Sambrica ("Flotte der Somme")
  3. Portus Aepatiaci (möglicherweise Étaples), die milites Nervii waren dort stationiert.

Obwohl sie nicht in der Notitia erwähnt werden, befand sich der Hafen von Gesoriacum oder Bononia (Boulogne-sur-Mer), der bis 296 die Hauptbasis der Classis Britannica war, auch unter der Aufsicht des dux Belcicae Secundae. Zu dieser Gruppe gehört außerdem auch die römische Festung in Oudenburg.

Weiter westlich, unter dem dux tractus Armoricani et Nervicani, befanden sich die Küsten von Armorica, die heutige Normandie und Bretagne. Die Notita listet die folgenden Orte auf: [1]

  1. Grannona (der Ort ist umstritten, entweder die Mündung der Seine oder bei Port-en-Bessin [3]), der Sitz des Dux, die Kohorte Prima nova Armoricana war dort stationiert.
  2. Rotomagus (Rouen), die milites Ursariensii waren dort stationiert.
  3. Constantia (Coutances), die Legion I Flavia Gallicana Constantia war dort stationiert.
  4. Abricantis (Avranches), die milites Dalmati waren dort stationiert.
  5. Grannona (es ist nicht klar, ob es sich hier um einen anderen Ort als das erste Grannona handelt, möglicherweise Granville), die milites Grannonensii waren dort stationiert.
  6. Aleto or Aletum (Aleth, nahe Saint-Malo), die milites Martensii waren dort stationiert.
  7. Osismis (Brest), die milites Mauri Osismiaci waren dort stationiert.
  8. Blabia (vielleicht Hennebont), die milites Carronensii waren dort stationiert.
  9. Benetis (möglicherweise Vannes), die milites Mauri Beneti waren dort stationiert.
  10. Manatias (Nantes), die milites superventores waren dort stationiert.

Zusätzlich dazu gibt es mehrere andere Orte, wo eine römische Militärpräsenz vermutet wurde. Bei Alderney ist eine Festung, die als "The Nunnery" bekannt war, auf die römische Zeit datiert worden, [13] und die Siedlung bei Longy Common wurde als Hinweis auf eine römische Militärsiedlung vermutet, obwohl die archäologischen Hinweise dort bestenfalls spärlich sind. [3]

Medien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weitere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Saxon Shore - amerikanische Band
  • The Saxon Shore - Theaterstück von David Rudkin
  • "Saxon Shore Way" - ein Fußweg an der Küste von Kent, der an vielen der Festungen vorbei führt
  • www.saxon-shore.com - eine Internetseite, die verschiedene Anlässe organisiert

Anmerkungen[Quelltext bearbeiten]

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 Notitia Dignitatum
  2. Eutropius, Breviarium
  3. 3,0 3,1 3,2 3,3 3,4 Johnston, David E.; et als. (1977). "The Saxon Shore" (PDF). CBA Research Report
  4. Aurelius Victor, De Caesaribus
  5. 5,0 5,1 5,2 Fields, Nic (2006). Rome's Saxon Shore - Coastal Defences of Roman Britain AD 250-500
  6. 6,0 6,1 Ammianus Marcellinus, Historia Romana
  7. Zosimus, Historia Nova
  8. 8,0 8,1 8,2 Der Begriff Equites bezeichnet eine Form der römischen Kavallerie und der zweite Begriff nennt die Herkunft der Reiterei.
  9. 9,0 9,1 9,2 9,3 Der Begriff Numerus bezeichnet eine Einheit von Hilfstruppen.
  10. Belegt durch eine einzige gefundene Inschrift (siehe Regulbium at RomanBritain.org)
  11. White, Donald A. (1961). Litus Saxonicum: the British Saxon Shore in Scholarship and History
  12. Maxfield, Valerie A.; Dobson, Michael J., eds. (1991). Roman Frontier Studies: Proceedings of the XVth International Congress of Roman Frontier Studies
  13. "Alderney ruin found to be Roman fort", BBC News, 25 November 2011
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