In der mittelalterlichen Geschichte bezieht sich die Bezeichnung Westfränkisches Reich oder Königreich der Westfranken auf den westlichen Teil des Fränkischen Reiches, das von Karl dem Großen gegründet wurde. Es stellt das früheste Stadium des Königreichs Frankreich da und bestand von etwa 840 bis 987. Es entstand durch den Vertrag von Verdun bei der Aufteilung des Karolingerreiches im Jahr 843.


Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gründung und Grenzen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im August 843, nach drei Jahren Bürgerkrieg nach dem Tod von Ludwig dem Frommen am 20. Juni 840, unterzeichneten seine drei Söhne und Erben den Vertrag von Verdun. Der jüngste, Karl der Kahle, erhielt das westliche Frankenland. Die zeitgenössischen westfränkischen Annales Bertiniani beschreiben seine Ankunft in Verdun, "wo die Verteilung der Anteile" stattfand. Nach der Beschreibung der Anteile seiner Brüder Lothar der Kaiser (Mittelfränkisches Reich) und Ludwig dem Deutschen (Ostfränkisches Reich) erklärt er: "den Rest bis hin nach Spanien gaben sie Karl". [1] Die Annales Fuldenenses von Ostranken beschreiben Karl als König des westlichen Teils, nachdem das Königreich "in drei geteilt" wurde. [2]

Seit dem Tod von Pippin I von Aquitanien im Dezember 838 war sein Sohn vom aquitanischen Adel als König Pippin II anerkannt worden, die Nachfolge war allerdings nicht vom Kaiser anerkannt. Karl der Kahle befand sich im Krieg mit Pippin II seit dem Beginn des Jahres und der Vertrag von Verdun ignorierte den Thronanwärter und schrieb Aquitanien Karl zu. [2] Anscheinend unterzeichnete Karl im Juni 845 nach mehreren militärischen Niederlagen den Vertrag von Benoît-sur-Loire und erkannte die Herrschaft seines Neffen an. Diese Übereinkunft hielt bis März 848, als die aquitanischen Barone Karl als ihren König anerkannten. Danach hatten Karls Armeen die Oberhand und bis 849 hatte er den Großteil von Aquitanien erobert. [3] Im Mai krönte sich Karl selbst zum "König der Franken und Aquitanier". Erzbischof Weile von Sens vollzog die Krönung, bei der die erste königliche Salbung im Westfrankenreich vollzogen wurde. Die Idee, Karl zu salben, könnte durch Erzbischof Hincmar von Reims aufgekommen sein, der nicht weniger als vier Gottesdienste mit angemessenen Liturgien für eine königliche Krönung entwarf. Bei der Synode von Quierzy (858) behauptete Hincmar, dass Karl zum König des gesamten westfränkischen Reiches gesalbt worden war. [4] Mit dem Vertrag von MErsen 870 wurde der westliche Teil von Lothringen dem Westfränkischen Reich hinzugefügt. 875 wurde Karl der Kahle zum Kaiser von Rom gekrönt.

Karl der Dicke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Tod von Karls Enkel Karlmann II am 12. Dezember 884 wählten die westfränkischen Adligen seinen Onkel Karl den Dicken, der schon König des Ostfränkischen Reichs und des Königsreichs Italien war. Er wurde am 20. Mai 885 zum "König in Gallien" gekrönt. [5] Seine Herrschaft war die einzige Zeit nach dem Tod von Ludwig dem Frommen, dass das ganze Frankenland unter einem König wieder vereint war. Als König des westfränkischen Reiches scheint er scheint er dem halb-unabhängigen Herrscher der Bretagne, Alan I, den Königstitel gewährt zu haben. [6] Seine Handhabung der Wikingerbelagerung von Paris 885-6 reduzierte sein Ansehen stark. Im November 887 rebellierte sein Neffe Arnolf von Kärnten gegen ihn und nahm den Titel König der Ostfranken an. Karl dankte bald darauf ab und starb am 13. Januar 888.

In Aquitanien ließ sich Herzog Ranulf II zum König machen, lebte aber nur zwei weitere Jahre. [7] Obwohl Aquitanien kein eigenständiges Reich wurde, lag es größtenteils außerhalb der Kontrolle der westfränkischen Könige. [8]

Odo von Paris wurde vom Adel zum neuen König der Westfranken gewählt und im nächsten Monat gekrönt. Zu dieser Zeit bestand das Westfränkische Reich aus Neustrien im Westen und im Osten aus dem Gebiet zwischen Meuse und Seine.

Aufstieg der Robertiner[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach den 860er Jahren wurde der lothringische Adlige Robert der Starke als Graf von Anjou, Touraine und Maine sehr mächtig. Sein Bruder Hugo, Abt von Saint-Denis, erhielt von Karl dem Kahlen die Kontrolle über Austrasien. Roberts Sohn Odo wurde 888 zum König des Westfränkischen Reiches gewählt. [8] Odos Bruder Robert I regierte zwischen 922 und 923, gefolgt von Rudolph 923 bis 936. Hugo der Große, Sohn von Robert I, wurde zum "Herzog der Franken" erhoben von König Ludwig IV. 987 wurde sein Sohn Hugo Kapet zum König gewählt und die Dynastie der Kapetinger begann. Zu diesem Zeitpunkt regierten sie nur wenig außerhalb der Île-de-France.

Außerhalb waren die alten Fränkischen Gebiete und die Adligen im Süden nach 887 beinahe unabhängig und die Herzogtümer Burgund, Aquitanien, Bretagne, Gascogne, Normandie, Champagne und das Herzogtum Flandern entstanden.

Die Macht der Könige schwand weiterhin, zusammen mit ihrer Unfähigkeit, den Wikingern zu widerstehen und dem Aufstieg der Adligen etwas entgegen zu setzen, die nicht länger vom König ernannt wurden sondern ihre Herzogswürde vererbten. 877 krönte sich Boso von Provence, Schwager von Karl dem Kahlen, selbst zum König von Burgund und Provence. Sein Sohn Ludwig der Blinde war ab 890 König von Provence und zwischen 901 und 905 Kaiser. Rudolph II von Burgund gründete 933 das Königreich Arles.

Karl der Einfältige[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Tod des östfränkischen Königs Ludwig das Kind, der letzte der Karolinger-Könige, verbündete sich Lothringen mit dem König der Westfranken, Karl der Einfältige. Nach 911 erweiterte das Herzogtum Schwaben sein Gebiet nach Westen und annektierte das Elsass. Balduin II von Flandern wurde nach dem Tod von Odo 898 sehr mächtig und erhielt von Karl Boulogne und Ternois. Das Gebiet, über das der König tatsächlich Kontrolle ausübte, schrumpfte stark und wurde auf die Gebiete zwischen der Normandie und dem Fluss Loire reduziert. Der königliche Hof befand sich normalerweise in Rheims oder Laon. [9]

Die Nordmänner begannen sich in der Normandie anzusiedeln und ab 919 fielen mehrfach die Magyaren ein. Da es keine starke königliche Macht gab, besiegten örtliche Adlige die Invasoren: beispielsweise besiegten Richard von Burgund und Robert von Neustrien 911 den Wikingeranführer Rollo bei Chartres. Die normannische Bedrohung endete schließlich, als das letzte Danegeld 924 und 926 bezahlt wurde. Die beiden Adligen wurden von Karl stark bekämpft und setzten ihn 922 ab, um Robert I zum neuen König zu wählen. Nach dessen Tod 923 wählten die Adligen Rudolf zum König und hielten Karl bis zu seinem Tod 929 in Gefangenschaft. Nach der Herrschaft von Karl dem Einfältigen begannen die Herzöge, ihre eigene Währung herauszugeben.

Rudolf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

König Rudolf hatte die Unterstützung seines Bruder Hugo der Schwarze und von Hugo dem Großen, Sohn von Robert I. Die Herzöge der Normandie weigerten sich bis 933, Rudolf als König anzuerkennen. Der König musste seine Armee außerdem gegen die südlichen Adligen führen, um ihre Gefolgschaftseide zu erhalten, doch der Graf von Barcelona sogar das vermeiden. Nach 925 befand sich Rudolf im Krieg gegen den rebellischen Herbert II, Graf von Vermandois, der Unterstützung von Heinrich der Vogler und Otto I, Könige des Ostfränkischen Reiches, erhielt. Seine Rebellion hielt an bis zu seinem Tod 943.

Ludwig IV[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

König Ludwig IV und Herzog Hugo der Große waren verheiratet mit Schwestern des ostfränkischen Königs Otto I, dem es nach dem Tod der beiden Männer gelang, die Herrschaft der Karolinger und Robertiner zu verschmelzen, mit ihrem Bruder Bruno dem Großen, Erzbischof von Köln, als Regent.

Nach weiteren Siegen durch Herbert II konnte Ludwig nur mit Hilfe der großen Adligen und Ottos I gerettet werden. 942 übergab er Lothringen an Otto I.

Der Erbstreit in der Normandie führte zu einem neuen Krieg, in dem Ludwig von Hugo dem Großen verraten und von dem dänischen Prinzen Harald gefangen genommen wurde, der ihn schließlich an Hugo übergab. Dieser ließ den König frei, nachdem er die Stadt Laon als Entschädigung erhalten hatte. [9]

Lothar[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der 13jährige Lothar von Frankreich erbte alle Ländereien seines Vaters im Jahr 954. Zu dieser Zeit waren sie so klein, dass die karolingische Praxis der Landteilung unter den Söhnen nicht länger befolgt wurde, und sein Bruder Karl erhielt nichts. 966 heiratete Lothar Emma, Stieftochter seines Großvaters Otto I, griff aber dennoch im August 978 die alte kaiserliche Hauptstadt Aachen an. Otto II griff daraufhin Paris an, wurde aber von den Truppen von König Lothar und des Adels besiegt und man unterzeichnete 980 einen Friedensvertrag.

Lothar gelang es, seine Macht zu stärken, doch dies kollidierte mit dem Aufstieg von Hugo Kapet, der sich mit den Adligen verbündete und schließlich zum König gewählt wurde.

Liste der Westfränkischen Könige[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Karl der Kahle (843–877)
  • Ludwig der Stammler (877–879)
  • Ludwig III von Frankreich (879–882)
  • Karlmann II (882–884)
  • Karl der Dicke (885–888)
  • Odo von Frankreich (888–898)
  • Karl der Einfältige (898–922)
  • Robert I von Frankreich (922–923)
  • Rudolph von Frankreich (923–936)
  • Louis IV von Frankreich (936–954)
  • Lothair von Frankreich (954–986)
  • Louis V von Frankreich (986–987)
  • Hugo Kapet (987–996)

Anmerkungen[Quelltext bearbeiten]

  1. Annales Bertiniani, Jahr 843
  2. 2,0 2,1 Annales Fuldenenses, Jahr 843
  3. Coupland, Simon (1989) "The Coinages of Pippin I and II of Aquitaine" in Revue numismatique
  4. Nelson, Janet L. (1977) "Kingship, Law and Liturgy in the Political Thought of Hincmar of Rheims". English Historical Review
  5. MacLean, Simon (2003) Kingship and Politics in the Late Ninth Century: Charles the Fat and the end of the Carolingian Empire
  6. Smith, Julia M. H. (1992) Province and Empire: Brittany and the Carolingians
  7. Richard, Alfred (1903) Histoire des Comtes de Poitou
  8. 8,0 8,1 Lewis, Archibald R. (1965) The Development of Southern French and Catalan Society, 718–1050
  9. 9,0 9,1 The New Cambridge Medieval History: Volume 3, C.900-c.1024
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